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Vollständige Version anzeigen : Frauen Volleyball WM in Japan


Montenegro#1
10.11.2006, 17:17
Serbien und Montenegro ist die Überraschungsmannschaft bei der Volleyball-Weltmeisterschaft in Japan. Das vereinte Team könnte erstmals eine Medaille gewinnen - obwohl beide Länder seit knapp sechs Monaten staatlich getrennt sind.

Osaka - Vor jedem Spiel erklingt die alte Hymne "Hej Sloveni" blechern aus dem Lautsprecher, dann wird bei der Volleyball-WM in Japan die Fahne von Serbien und Montenegro aufgezogen. Am Ende der Prozedur beginnt für die Volleyballspielerinnen die Punktejagd den Doppelstaat, den es eigentlich gar nicht mehr gibt.

Es ist ein Etikettenschwindel, denn keine Spielerin stammt aus Montenegro, die zwölf Vertreterinnen des am 3. Juni aufgelösten Staatenverbundes kommen alle aus Serbien. Aber sie erledigen ihre Aufgabe glänzend. 15:2 Punkte und Platz eins in der Vorrunde, dabei sensationelle Siege gegen Titelverteidiger Italien und den dreimaligen Olympiasieger Kuba - das Überraschungsteam vom Balkan ist auf dem Weg zum ersten Medaillengewinn seiner zu Ende gehenden Geschichte.

"Wir spielen doch nicht für den Namen des Landes. Wir spielen für unsere Leute daheim, und denen wollen wir so viel Freude wie möglich machen. Serben wie Montenegrinern", sagt Zoran Terzic mit dunkler Stimme. Der einzige Trainer, der bei der WM gleich zwei Nationen coacht, möchte die Gräben zwischen den einstigen Partnerländern nicht noch tiefer machen. Am 21. Mai dieses Jahres sprachen sich 55,5 Prozent der gut 600.000 Einwohner von Montenegro in einem Referendum für die Trennung von Serbien (acht Millionen Einwohner) aus. Inzwischen gibt es zwei Volleyball-Ligen. Montenegro wurde vor der WM als 219. Mitglied offiziell in den Volleyball-Weltverband FIVB aufgenommen, in dem Serbien als Rechtsnachfolger des alten Staates längst Mitglied ist. Geschmettert wird bei der WM trotzdem noch einmal gemeinsam.

"Wir haben die Qualifikation als Serbien und Montenegro geschafft, also hat die FIVB nach Rücksprache mit unserem Verband entschieden, dass wir hier unter dem alten Namen starten", erklärt Terzic. "Außerdem ist das alles doch gar nicht so wichtig, unser Erfolg zählt doch viel mehr."

Probleme wie der Trainer des zerstrittenen und erfolglosen Teams von Serbien und Montenegro bei der Fußball-WM hat der Serbe an der Seitenlinie nicht, und die Reaktionen in der Heimat auf die Erfolgsserie seien grandios. In Serbiens Hauptstadt Belgrad verfolgen am frühen Morgen - die Spiele des Teams beginnen meist um 6 Uhr Ortszeit - viele Menschen die Liveübertragung des Staatsfernsehens vor dem Fernseher. Die Mannschaft bekommt Dutzende E-Mails. Volleyball ist im Balkanstaat die drittpopulärste Sportart hinter Fußball und Basketball, obwohl es keine starke heimische Liga gibt. Neun Frauen aus seinem Zwölfer-Kader verdienen ihr Geld im Ausland, wie die überragenden Angreiferinnen Ivana Djerisilo, Anja Spasojevic und die früher beim USC Münster beschäftigte Spielführerin Vesna Citakovic.

Trotzdem hat es Terzic mit seinem Team geschafft, die Volleyballwelt zu überraschen. Noch in der Vorbereitung hatte man alle drei Länderspiele gegen Deutschland verloren, von den WM-Teilnehmern war nur Costa Rica in der Weltrangliste schlechter geführt als Serbien und Montenegro (30.). Nun ist der größte Erfolg genauso nah wie das Ende der gemeinsamen Verbandsgeschichte. Terzic sagt: "Serbien hat genügend Potenzial für eine große Zukunft im Frauen-Volleyball. Montenegro wird es sehr schwer haben. Nach der WM ist jedenfalls Schluss mit diesen Namen."

Nicht ganz, denn ab 17. November wird auch das Männer-Nationalteam noch unter dem Namen Serbien und Montenegro für einen Phantomstaat schmettern. Das Team hat mit Igor Kolakovic übrigens einen Trainer aus Montenegro. Welche der zwei neuen Mannschaften Kolakovic danach betreuen wird, ist übrigens noch völlig unklar.

http://www.welt.de/data/2006/11/10/1105058.html

Phantomstaat go for Gold